DIE OPERATION

Seit nahezu einem Monat treten die Amerikaner in der Hölle des Heckenkrieges auf der Stelle. Die Ende Juli gestartete Operation Cobra soll endlich die entscheidende Bresche in die deutschen Linien schlagen. General Bradley, Oberbefehlshaber der 1. Armee, hat seinen Plan reiflich überlegt. Ein intensiver Luftangriff auf einer begrenzten Fläche soll die Verteidigungslinien gezielt ausschalten und eine Bresche für seine Einheiten schaffen. Das für die Operation ausgewählte Gebiet ist die Zone zwischen den Dörfern La Chapelle-Enjuger und Hébécrevon, einige Kilometer nördlich von der Hauptstraße zwischen Saint-Lô und Coutances.

Ein am 24. unternommener erster Versuch erweist sich als Katastrophe, da die Bomber ihre Geschütze teilweise auf die amerikanischen Vorstoßlinien abwerfen un dabei 150 Männer töten oder verletzen. Doch die Operation wird am nächsten Tag wiederholt. Drei Stunden lang bearbeiten 1 500 B-17 und B-24 ihr Ziel mit der Unterstützung von mittelgroßen Bombenflugzeugen und mit Napalmbomben arbeitenden Jagdbombern. Die GIs müssen auch bei dieser Operation harte Verluste hinnehmen. Doch dieses Mal werden auch die Deutschen nicht verschont, ganz im Gegenteil. Die Panzerdivision Lehr von General Bayerlein, die erst seit Kurzem in diesem Sektor zugange ist, wird vollkommen ausgeschalten. 45 Tonnen schwere Panther-Panzer werden durch den Explosionsdruck angehoben und wie Kinderspielzeug kaputtgeschlagen. Infanteriesoldaten werden in ihren Verschanzungen lebendig begraben. Die wenigen Überlebenden wissen nicht wie ihnen geschieht und ergeben sich kampflos oder ergreifen die Flucht.

Doch die amerikanische Infanterie erwartet keine leichte Aufgabe. Den ganzen Tag des 25. hindurch muss sie hart kämpfen, um den Panzern den Weg zu öffnen. Die mit dem berühmten, von Sergent Cullins entwickelten “Hedgecutter” ausgestatteten Panzer durchstoßen die Hecken und überwinden diese Hindernisse nunmehr mit spielerischer Leichtigkeit.

Am 26. Juli kommt das VII. Korps von Collins rund zehn Kilometer voran und nimmt dabei nach der Überquerung der Straße von Coutances in Saint-Lô die Städtchen Saint-Gilles sowie Canisy ein. Die mittlerweile sehr dünn gewordene deutsche Front beginnt allerorts einzubrechen. Am nächsten Tag bricht sie vollends zusammen. Die amerikanischen Panzerdivisionen dringen ungehindert in südlicher und westlicher Richtung vor. Marigny, Lessay und Périers werden im Tagesverlauf eingenommen. Coutances wird am 28. von der 4. Panzerdivision von General Wood befreit.

Ganze deutsche Einheiten werden umzingelt, wie beispielsweise im Kessel von Roncey. Andere lockern sich. Die zwei Monate lang andauernden erbitterten Kämpfe haben bei den hart mitgenommenen und demoralisierten Soldaten schwere Spuren hinterlassen. Tausende von Männern werden gefangen, entwaffnet und in den meisten Fällen vor Ort zurückgelassen, da die Zeit fehlt, sie in ein Lager zu führen. Von Choltitz, Kommandeur des 84. Armeekorps, versucht vergeblich, neue Verteidigungslinien aufzubauen, doch diese brechen noch bevor sie vollkommen erstellt sind zusammen. Jetzt kann die Amerikaner nichts mehr aufhalten.

Am 30. Juli durchquert die 6. Panzerdivision von Grow Bréhal und ohne auch nur anzuhalten Granville. Am gleichen Abend erobert der immer noch in Spitzenformation voranstürmende Wood Avranches. Bereits am nächsten Tag gelingt es ihm, die eine strategische Verbindung zur Bretagne darstellende Brücke von Pontaubault über der Sélune unversehrt einzunehmen. In weniger als einer Woche gelingt den Truppen von Bradley somit ein Vorstoß von 60 Kilometern Dabei werden 18.000 deutsche Soldaten in Gefangenschaft genommen. Die Schlacht hat eine entscheidende Wende genommen. Der Durchbruch ist gelungen. Aus dem Stellungskrieg wird ein Krieg der Bewegung.